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Alles nur geklaut
[WMW002920]
Im Gespräch: Dr. Rüdiger Stihl, Vorsitzender des APM zur Produkt- und Marktpiraterie.

Schätzungsweise 50 Milliarden Euro Schaden erleidet die deutsche Wirtschaft jährlich durch gefälschte Waren. Der Kampf gegen die Fälscher scheint aussichtslos, doch der Aktionskreis gegen Produktund Markenpiraterie (APM) will noch längst nicht aufgegeben. Der APM setzt sich seit 1997 als branchenübergreifender Verband für den Schutz geistigen Eigentums ein und ist eine Gemeinschaftsinitiative des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und des Markenverbandes. Im APM engagieren sich namhafte Unternehmen aus verschiedensten Branchen für ein Umfeld, in dem sich erfinderische Tätigkeit entfalten und auf einen effektiven Schutz bauen kann. Ein Interview mit dem Vorsitzenden des APM, Dr. Rüdiger Stihl:

Diebstahl des geistigen Eigentums steigt lawinenartig. Warum?
Dr. Stihl: Die Gewinnspannen für die Fälscher sind außerordentlich hoch. Die Möglichkeiten, Produktpiraten dingfest zu machen, gestalten sich dabei als schwierig. Und das Entdeckungsrisiko bei den Zollaufgriffen an den EU-Grenzen liegt schätzungsweise bei maximal zehn Prozent. Ein Beispiel verdeutlicht die Attraktivität des Fälschergeschäfts: Für ein Kilogramm Heroin auf dem Schwarzmarkt lassen sich rund 50 000 Euro erzielen, für ein Kilogramm gefälschtes ”Viagra“ rund 90 000 Euro. Dabei riskieren Drogenhändler hohe Haftstrafen, die Produkt- und Markenpiraterie wird aber oft als Kavaliersdelikt angesehen. Mit Fälschungen kann man also lukrative und risikoarme Geschäfte tätigen.

Wie bereitwillig werden Plagiate gekauft? Sind sie gesellschaftsfähig?
Studien, zum Beispiel von Ernst & Young, belegen, dass Plagiate zu 90 Prozent von der europäischen Gesellschaft akzeptiert werden. Rund 40 Prozent der unter 35-jährigen Europäer kaufen gefälschte Ware. Die Gründe für diese Akzeptanz und das daraus resultierende Konsumverhalten begründen sich meiner Meinung nach auf mangelndem Unrechtsbewusstsein und einer generellen Unwissenheit. Oftmals ist den Verbrauchern nicht klar, welchen Gefahren sie sich beim Kauf von Plagiaten aussetzen. Dabei denke ich vor allem an Gesundheit und Sicherheit. Ein wichtiger Baustein beim Kampf gegen die Produktpiraterie, die ich als ”Krebsgeschwür der Globalisierung“ bezeichne, ist daher die Aufklärung des Verbrauchers – gemeinsam und zielorientiert von allen betroffenen gesellschaftlichen Akteuren.

Welche Produkte werden am häufigsten gefälscht?
Es gibt fast keine Branche, die vom ”Krebsgeschwür“ verschont geblieben ist. Gefälscht wird alles, was profitabel ist: Angefangen bei Taschentüchern und Textilien über Hautcremes und Arzneimittel bis hin zu technischen Produkten und Anlagen.

Sind gefälschte Arzneimittel nicht besonders gefährlich?
Sie sind nicht nur gefährlich, sondern bei den Fälschern besonders beliebt: EU-weit liegen Medikamente etwa auf dem vierten, in Deutschland auf dem dritten Platz. Besonders verheerend bei gefälschten Arzneimitteln ist, dass minderwertige oder gar keine Wirkstoffe enthalten sind, was zu fatalen Folgen führt: Vor zwei Jahren starben 80 Menschen an einem gefälschten Blutverdünnungsmittel, 800 erkrankten an schweren Allergieschocks. Dabei sollen Medikamente den Verbraucher kurieren und nicht bedrohen.

Wer sind die Täter und woher kommen sie?
Sie sind dreist, professionell und zeigen wenig Anstand auch bei der Herstellung: Die Produktion findet meist unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen statt – auch Kinderarbeit ist keine Seltenheit. Die Fälscher nutzen die erwirtschafteten Gewinne, um die organisierte Kriminalität zu finanzieren. Laut der Zollstatistik sind innerhalb der Europäischen Union vor allem gefälschte Produkte aus China erhältlich. Deshalb gehe ich auch davon aus, dass die Fälscher überwiegend in Asien ansässig sind.

Und sie „tummeln“ sich auch im Internet?
Ja und zwar immer mehr. Denn für Fälscher ist der Vertriebsweg über das Internet eine relativ sichere Sache: Die Transparenz der Onlineanbieter ist oft nicht gewährleistet, was die Geltendmachung von Ansprüchen sowohl für Rechteinhaber als auch für Verbraucher erschwert. Außerdem können sich Fälscher im Internet besser tarnen und der Postverkehr unterstützt dabei das anonyme Geschäft.

Was kann man dagegen tun?
Es ist wichtig, künftig die Betreiber von Internetplattformen verstärkt in die Pflicht zu nehmen. Diese müssten bei bereits festgestellten Rechtsverstößen von sich aus vorbeugende Maßnahmen ergreifen, um eine Wiederholung zu vermeiden. Sie wollen diese Form der Piraterie bekämpfen, indem Sie die Öffentlichkeit aufklären. Wie wollen Sie das erreichen? Hinter der APM-Strategie steckt das Ziel, die Verbraucher zu Verbündeten zu machen und damit die Nachfrage nach gefälschten Produkten zu senken. Um erfolgreich zu sein, müssen wir vor allem das Unrechtsbewusstsein in der Öffentlichkeit schärfen. Einerseits muss die Bevölkerung über das Gefährdungspotenzial, andererseits über die Folgen für Wirtschaft und Staat sowie den damit verbundenen Verlust von Arbeitsplätzen aufgeklärt werden. Mit unserer Wanderausstellung ”Schöner Schein. Dunkler Schatten“ haben wir genau diese Aufklärung im Fokus. Bis Oktober 2010 hat die Ausstellung in 32 großen ECE-Einkaufscentern gastiert, und etwa zehn Millionen Menschen erreicht. Die bisher erhaltenen Rückmeldungen sind äußerst ermutigend und lassen mich auf Folgeprojekte, auch auf europaweiter Bühne, hoffen. Was kann die Politik gegen das ”Krebsgeschwür der Globalisierung“ tun? Von Seiten der Politik ist es generell wichtig, einheitliche Standards und ein koordiniertes Vorgehen zu schaffen, damit die einzelnen Kräfte von Verbänden, Wirtschaft, Gewerkschaften und Verbraucherschutzorganisationen effektiv gebündelt werden können. Erste Schritte in die richtige Richtung sind bereits zu erkennen: In Deutschland soll, laut Koalitionsvertrag, der Zugang zu Schutzrechten für den Mittelstand erleichtert werden. Auf europäischer und internationaler Ebene ist geplant, den Schutz des geistigen Eigentums in Freihandelsabkommen mit einzubeziehen. Außerdem soll eine EU-Richtlinie über das strafrechtliche Vorgehen eingeführt werden. Generell ist festzuhalten, dass Fälscher stets ihr wirtschaftliches Handeln an die aktuelle Marktsituation sowie die geltenden Gesetze anpassen. Deshalb müssen neue Trends rechtzeitig erkannt und ihnen entsprechend entgegengewirkt werden.

Bild: APM

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