

VON ANNETTE WENK
Mit Heilbronn, Künzelsau, Schwäbisch Hall und Bad Mergentheim sind immerhin vier Städte auf der Hochschullandkarte markiert. Wer mit den Akteuren in der regionalen Bildungslandschaft spricht, spürt eine deutliche Aufbruchstimmung. Insbesondere im Bereich der Hochschulen weht ein neuer Wind durch die Region.
An der Mannheimer Straße in Heilbronn wird sich in Zukunft ein neuer Bildungs- und Hochschulschwerpunkt präsentieren. Der Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung ist bereits auf der Zielgeraden zur Einweihung am 30. September. Hier finden die German Graduate School of Management and Law (GGS), die Duale Hochschule (DHBW) Mosbach und die Akademie für innovative Bildung und Management (AIM) ein neues Domizil.
Weichen gestellt
„Der Bildungscampus muss in der Wahrnehmung mit der Experimenta zusammen gesehen werden“, betont Dr. Erhard Klotz, Geschäftsführer der Dieter Schwarz Stiftung. Mit ihrem Engagement im Bildungssektor hat die Stiftung in der Region Weichen gestellt. „Wir haben 2003 mit der AIM begonnen“, blickt Dr. Erhard Klotz zurück. „Damals hatten wir uns vorgenommen, das, was der Staat nicht leisten kann, auf den Weg zu bringen.“ Zunächst standen ergänzende Bildungsangebote für Kindergarten und Grundschule auf der Agenda. „Manche Dinge, die wir damals getan haben, sind heute schon Allgemeingut“, stellt Dr. Erhard Klotz fest. Ein Anliegen ist auch, die MINTFächer stärker in die Schulen zu bringen.“ Ein großer Schritt in diesem Bereich war im Jahr 2009 die Eröffnung der Experimenta in Heilbronn. Als einziges Science-Center ist sie mit Laboren ausgestattet, die sogar die Voraussetzungen für Schulunterricht bieten.
Enges Miteinander
In direkter Nachbarschaft zum Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung ist ein zweiter, innenstadtnaher Campus der Hochschule Heilbronn am Fuß der markanten Gaskugel im alten Industriegebiet im Entstehen. Der Spatenstich fand am 25. Juli statt. „Mit dem Campus Heilbronn II in unmittelbarer Nähe zum Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung wird nun auch das angestrebte enge Miteinander der unterschiedlichen Hochschuleinrichtungen der Region deutlich“, stellt Prof. Dr. Jürgen Schröder, Rektor der Hochschule Heilbronn, fest. Dabei verweist er auf die finanzielle Unterstützung privater Träger. Die Stadtsiedlung Heilbronn GmbH hat den bereits vorhandenen Gebäudekomplex sowie die entsprechenden Flächen für den Neubau von der Heilbronner Versorgungs GmbH (HVG) erworben und investiert neun Millionen Euro in den neuen Campus der Hochschule Heilbronn. Weitere Zuschüsse kommen von der IHK Heilbronn-Franken (eine Million Euro), der Dieter Schwarz Stiftung (850.000 Euro) und dem Landkreis Heilbronn (700.000 Euro). Das Land Baden-Württemberg stellt dazu die notwendigen Landesmittel von insgesamt 2,7 Mio. Euro für die Anmietung der Flächen und weitere 500.000 EUR für die Erstausstattung des neuen Campus zur Verfügung.
Hochschulspektrum mit großer Vielfalt
Im Jahr 2005 hat die German Graduate School of Management and Law, damals noch unter dem Namen Heilbronn Business School, zunächst mit Masterstudiengängen von Partnerhochschulen den Studienbetrieb aufgenommen. Im Juli 2011 wurde die Reakkreditierung geschafft. Mit der Entwicklung ist Prof. Dr. Dirk Zupancic, Präsident der GGS, sehr zufrieden. „Wir sehen die Hochschule auf einem guten Weg. Als private Business School haben wir die Möglichkeit, ein maßgeschneidertes Spektrum von Dingen anzubieten, die richtig gut sind.“ Schwerpunkte ergeben sich aus dem direkten Austausch mit Unternehmen. Neben den berufsbegleitenden Masterstudiengängen, die für die Zielgruppe junger Führungskräfte in der Region konzipiert sind, richtet Prof. Zupancic ein weiteres Augenmerk auf die Entwicklung neuer Angebote. Dazu gehören neben den Studiengängen auch die Executive Education mit maßgeschneiderten Lehrgängen für Führungskräfte aus Unternehmen. Sie werden durch offene Seminare, Vorträge und Management-Dialoge ergänzt. Die dritte Säule bildet die Forschung. Nicht nur Bildungscampus und neue Räume für die Hochschule Heilbronn markieren als „Hardware“ einen Schub in der regionalen Bildungslandschaft. Auch zwischen den beteiligten Institutionen wächst die Zusammenarbeit. „Die Chemie zwischen den beteiligten Persönlichkeiten stimmt“, stellt Prof. Zupancic fest. „Wir planen mit der DHBW Mosbach ein Masterprogramm in Marketing.“ Auch mit der Akademie Würth laufen Gespräche für ein gemeinsames MBA-Angebot abgestimmt auf die Region. Ein weiteres Zeichen für die Kooperation zwischen den Hochschulen ist der Start des Hochschulportals „Hochschulenhoch3.de“ Ende Juli.
Auf Wachstumskurs im Jubiläumsjahr
Die Hochschule Heilbronn feiert in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Als „Ingenieurschule“ im Jahr 1961 gestartet, bietet sie heute Studiengänge in Technik, Wirtschaft und Informatik. Angeboten werden an den drei Standorten Heilbronn, Künzelsau und Schwäbisch Hall und in sieben Fakultäten insgesamt 45 Bachelor- und Masterstudiengänge. Im Rahmen des Programms „Hochschule 2012“ des Landes Baden-Württemberg wurden die Plätze für Studienanfänger kräftig aufgestockt. Im Jahr 2012 soll die Hochschule an allen drei Standorten insgesamt knapp 7.300 Studierende haben.
Großes Engagement
Eine Entwicklung, die ohne private Unterstützung nicht möglich gewesen wäre. „Die Hochschulen sind beim Ausbau der entsprechend notwendigen Infrastruktur angewiesen auf die große Unterstützung durch Kommunen, Wirtschaftsverbände und Unternehmen“, betont Rektor Schröder. „Auch die räumliche Erweiterung der Hochschule Heilbronn wird maßgeblich über Dritte gewährleistet.“ So wird der Campus in Schwäbisch Hall durch die Stadt Schwäbisch Hall, die Fachhochschulstiftung zum Heiligen Geist Schwäbisch Hall und sechzehn Unternehmen der Region mit einer Summe von circa 15 Millionen Euro über 15 Jahre finanziert. Auch am Campus Künzelsau wurde der neue Bau der Hochschule durch die Stadt Künzelsau mit einem Investitionsvolumen von 6 Millionen Euro und günstigen Konditionen zur Anmietung realisiert. Der Standort Künzelsau der Hochschule Heilbronn ist schon seit seiner Gründung eng mit dem Engagement regionaler Unternehmen verbunden. Seit ein paar Jahren trägt die Hochschule in Künzelsau den Namen eines ihrer großen Sponsoren und heißt heute Reinhold-Würth-Hochschule. Prof. Dr. Harald Unkelbach, Mitglied der Geschäftsführung der Adolf Würth GmbH & Co. KG und Vorstand der Gemeinnützigen Stiftung Würth, nennt Gründe für das Engagement. „Gut ausgebildete Mitarbeiter sind das Fundament für jede Firma, Organisation und jedes Gemeinwesen. Mit Lernen kann man nicht früh genug anfangen und darf nie damit aufhören. Darum engagiert sich Würth in jeder Art der Aus- und Weiterbildung.“
Primäre Aufgabe des Staates
Der Bildung als Standortfaktor für die Wirtschaft räumt er eine hohe Bedeutung ein. „Bildung und Bildungsmöglichkeiten sind Schlüsselfaktoren für jede regionale Entwicklung. Zum einen um geeignete Mitarbeiter aus der Region zu erhalten, zum anderen um Zuzug zu erreichen. Es ist immer eine wesentliche Frage nach Ausbildungsmöglichkeiten, auch für die Kinder.“ Die Schaffung von Bildungsmöglichkeiten sieht Prof. Unkelbach zunächst als primäre Aufgabe des Staates. Erst danach setzt das private Engagement ein. „Bildung ist teuer, daher ist sie auch privat mitzufinanzieren“, stellt er fest. „Für den Ausbau von Schulen und speziell Hochschulen wird das private Engagement notwendig – beispielsweise Stipendien, Stiftungsprofessuren, Stiftungen und Förderungen zum Ausbau der Hochschulen.“
Orientierung am Bedarf der Unternehmen
Mit Bad Mergentheim und Heilbronn hat die DHBW Mosbach zwei Stand orte in der Region Heilbronn-Franken. „Die DHBW Mosbach ist eigentlich die Duale Hochschule für diese Region“, sagt Prof. Dr. Nicole Graf, Prorektorin und Leiterin des Campus Heilbronn. „Auch in Mosbach kommt fast die Hälfte der Studienplätze von Unternehmen aus der Region Heilbronn-Franken.“ Aus der engen Verknüpfung mit der Wirtschaft ergeben sich Studienangebote mit direktem Branchenbezug. Die großen Bereiche in Bad Mergentheim sind International Business, Gesundheitsmanagement und Food Management. „Für unsere Studiengänge ist wichtig, dass sie sich am Bedarf der Region orientieren, aber auch eine landes- und bundesweite Nachfrage finden“, betont Prof. Graf. Am Beispiel Food Management lässt sich das anschaulich erläutern. Die Inhalte des Studiums sind auf die gesamte Wertschöpfungskette der Lebensmittelwirtschaft ausgerichtet. „Vom Acker bis auf den Teller“, bringt es die Prorektorin prägnant auf den Punkt. „Die Unternehmen, von denen unsere Studierenden kommen, reichen von der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft über Feinkost Käfer oder Metro bis zu Burger King. Wir haben damit ein Konzept, das bundesweit einzigartig ist.“ Am Campus Heilbronn startet der eigentliche Studienbetrieb zum Wintersemester 2011/2012. Hier stehen Konsumgüterhandel und Dienstleistungsmanagement im Mittelpunkt. Prof. Graf freut sich auf den Einzug im Bildungscampus. Im neuen Zuhause für die Hochschule sieht sie mehr als nur Räume für den Studienbetrieb. „Durch den Bildungscampus wird in Heilbronn eine neue Ära eingeläutet. Heilbronn entwickelt sich zu einer Bildungsstadt“, stellt Prof. Graf fest.
Standortfaktor Bildung
Einen eigenen Ansatz zur Bildungsstadt verfolgt man in Schwäbisch Hall. Ebenso wie Wertheim für den Main- Tauber-Kreis beteiligt sich Schwäbisch Hall stellvertretend für den Landkreis am Projekt Bildungsregionen des Landes Baden-Württemberg. Im Mittelpunkt steht dabei die Gestaltung von Bildungsbiografien ohne Brüche. Kommune, staatliche Schulverwaltung, außerschulische Einrichtungen und weitere Bildungspartner verfolgen dieses Ziel gemeinsam. Bettina Wilhelm, erste Bürgermeisterin der Stadt Schwäbisch Hall, sieht Bildung als einen wichtigen Standortfaktor. „Die Zeiten ändern sich“, stellt sie fest. „Während Bildung vor einigen Jahren noch als weicher Standortfaktor gesehen wurde, ist sie heute längst ein knallharter Baustein kommunaler Infrastruktur.“ Dabei misst sie auch der frühkindlichen Bildung eine wesentliche Rolle bei. „Frühkindliche Bildung wird zunehmend auch als Voraussetzung für Chancengleichheit erkannt. Damit erhält Bildung eine neue Dimension als Standortfaktor.“ Den Standort Schwäbisch Hall macht dabei auch eine ganz besondere Kombination von Bildungsangeboten aus. Zum örtlichen Spektrum gehört unter anderem ein Goethe-Institut, das jährlich 1.800 ausländische Gäste in die Stadt bringt. „Schwäbisch Hall zeichnet sich durch eine unglaubliche Bildungsvielfalt aus“, sagt Bettina Wilhelm nicht ohne Stolz. „Um das Kind tatsächlich in den Mittelpunkt von Bildung zu stellen und keine Brüche in der Bildungsbiographie zu erhalten, ist es notwendig, die vorhandenen Bildungsakteure noch besser zu vernetzen. Dafür steht zukünftig die Bildungsregion, die im neuen Haus der Bildung einen idealen Ort gefunden hat.“ Das Haus der Bildung ist im neuen Kocherquartier angesiedelt und soll auf rund 3.000 m² zur Drehscheibe für Bildung werden.
Verantwortung als „Unternehmensbürger“
Die Bausparkasse Schwäbisch Hall hat der Hochschule Heilbronn für ihren Haller Campus ein Gebäude geschenkt und stellt ein Parkdeck für die Studenten zur Verfügung. Darüber hinaus unterstützt sie die Hochschule mit Stipendien. Susanne Kessen, Ansprechpartnerin für Corporate Social Responsibility (CSR) bei der Bausparkasse, nennt die Gründe für das Engagement. „Das Bildungsangebot ist für uns ein enorm wichtiger Standortfaktor. Auch angesichts der demographischen Entwicklung ist es uns wichtig, den Nachwuchs in der Region zu fördern. Es geht uns darum, breit und gut ausgebildete junge Leute zu haben. Der Vertriebsschwerpunkt der Hochschule ist für uns wichtig in Addition zur grundständigen BWL-Ausbildung.“ In Kooperation mit Würth ist darüber hinaus ein Trainee- Programm für Studierende ab dem 3. Semester geplant. Für Susanne Kessen steht jedoch bei diesem Bildungsengagement nicht nur die Nachwuchsförderung im Vordergrund. „Wir fördern die Hochschule auch aufgrund unserer Verantwortung als Unternehmensbürger.“ Nicht nur Großunternehmen wie Würth oder die Bausparkasse leisten einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Bildungslandschaft. Viele mittelständische Unternehmen stellen regelmäßig finanzielle Mittel für Stiftungsprofessuren, Förderung von Projekten oder Stipendien zur Verfügung. Auch durch die Tätigkeit von Mitarbeitern als Dozenten und Lehrbeauftragte wird die Lehre inhaltlich gefördert. Mit diesem speziellen Engagement wird die Bildungslandschaft in der Region Heilbronn- Franken erst zu dem was sie ist – eine Bildungslandschaft mit ganz eigener DNA.
Bildtext: Absolventen der Graduate School of Management & Law feiern ihren Abschluss.
Foto: GGS
LINKS:
www.bildungscampus-heilbronn.de
www.dhbw-mosbach.de
www.dieter-schwarz-stiftung.de
www.experimenta-heilbronn.de
www.ggs.de
www.hochschulenhoch3.de
www.hs-heilbronn.de
www.schwaebischhall.de (Stadt Schwäbisch Hall)
www.schwaebisch-hall.de (Bausparkasse)
www.wuerth.de
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